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Herbert Henck
Jutta Riedel-Henck

Herbert Henck
 

Zimmer zur Straße

 

München, Samstag, den 30. Oktober 1993, 21.11 Uhr.

Da sitze ich nun am Vorabend meines vierten und letzten öffentlichen Konzertes in diesem Jahr im dritten Stock des Hotels A… in der L...straße in München, nahe am Marienplatz.

Trotz schnellstmöglicher Zugverbindung mit dem ICE (ab Bremen, Umsteigen in Hannover) immer noch eine lange Bahnfahrt, die meine Knochen und meinen verzerrten Fuß wieder stärker schmerzen lässt.

Ich sitze an einem winzigen Schreibtisch aus imitiertem Eichenholz, den eine kleine Neonröhre über dem Waschbecken erhellt. Das Doppelfenster habe ich weit geöffnet.

»Heiijaah-hussa! ... Heiijah-hussa!« höre ich eine Gruppe junger Leute unten lauthals singen. Ein Einzelner brüllt etwas. Man ist beschwingt und wohl auch etwas betrunken. Das Hofbräuhaus ist nahe.

»Bitte beachten Sie, dass kommender Montag ein Feiertag ist und Geschäfte und Banken geschlossen haben«, mahnte ein Schild an der Rezeption. Der Beginn eines verlängerten Wochenendes, morgen kann man ausschlafen.

Autos fahren im Schritt-Tempo, Fußgänger beherrschen die Szene. Man parkt in geschlossener Reihe entlang den Bürgersteigen. Ringsum Geschäfte, kleine Restaurants, Cafés, eine Apotheke an der Ecke, ein Laden mit Büromöbeln und Computern.

Mir gegenüber Wohnungen bis unter das Dach, einige Fenster erhellt, die meisten dunkel.

Auf meiner Höhe wenige Fenster weiter hinter dünnem Vorhang eine junge Frau, die sich ankleidet: erst ein T-Shirt, dann ein Pullover; sie bückt sich, um sich Strümpfe anzuziehen oder die Schuhe zu schließen, richtet sich wieder auf. Mantel und Schal, das Licht erlischt, man geht aus.

Wildes Grölen von unten, ein Martinshorn nähert sich in den Seitenstraßen. Männerstimmen fast ausnahmslos, von Frauen meist nur hohes Gelächter.

Autotüren werden zugeschlagen.

Eine Hörkulisse, die sich mir nicht alle Tage bietet und die unleugbar zu den Vorzügen des kargen Zimmerchen zählt, das immerhin fünfundneunzig Mark kostet.

Der Raum hat einen trapezförmigen Grundriss und verjüngt sich vom Fenster zur gegenüberliegenden Tür, so dass die beiden Betten (eines eine Klapp-Couch) durch einen keilförmigen Gang getrennt sind und mit den Fußenden aufeinander zulaufen.

Ein Dieselmotor ist zu hören. Junge Stimmen. Man pfeift und ist gut gelaunt. Damenabsätze klappern auf dem Pflaster. Eine verklemmte oder verrostete Autotür quietscht, man steigt zu zweit in den Wagen, fast gleichzeitig schlagen die Türen.

Es ist kühl, und ich sehe meinen Atem, als ich am Fenster lehne.

Ein anderes beleuchtetes Zimmer, mir fast genau gegenüber, zeigt durch einen schmalen Vorhangspalt einen hohen verzierten Küchenschrank aus Naturholz, auf dem ein silbernes Geschirr (ein Wasserkessel?) blitzt.

Gesang der Jünglinge auf der Straße. Ich trinke ein Bier aus dem Reisegepäck, die zweite der drei Büchsen. Es tut mir gut, etwas Bier zu trinken; es tröstet.

Neue Chöre formieren sich.

»Eu-olehh! – Eu-olehh!« – Husten.

»Olé-olé! Olé-olé!« Ein Auto wird gestartet.

Jetzt wird gepfiffen. Kurzes meckerndes Lachen. Wieder schwungvolles Schlagen von Autotüren.

Posaunentöne. Zunächst bin ich nicht sicher, ob es wirklich solche sind, doch es gibt keinen Zweifel.

»An-ne-liese! ... Drei-mal hat’s ge-kracht!«

Hinter einem anderen Fenster sitzt eine junge Frau an einem Tisch im Gespräch. Ihr Gesicht ist von der herabhängenden Lampe erhellt, und durch die dünne Gardine könnte sie mir fast in die Augen blicken. Aber sie ist in das Gespräch vertieft, beugt sich gelegentlich zur Seite oder unterstreicht, was sie sagt, mit den Händen. Zumeist spricht sie mit jemandem, der mit dem Rücken zum Fenster sitzt und mir nur als Schatten erscheint. Einmal trinkt man aus einem Glas, das auf dem Tisch steht. Nach einiger Zeit beugt sich eine dritte Person von rechts in mein Blickfeld, und ich glaube ein Kind zu erkennen.

Rhythmisches Klatschen und Singen auf der Straße.

»Rot – weiß – rot … Meister! … Meister! …«

Das meiste verstehe ich nicht, obwohl direkt unter meinem Fenster gesungen wird.

Die Klänge ändern sich rasch, man ist unterwegs. Es ist kühl, und man hält sich nicht auf; kein Wetter zum Bummeln. Man wärmt sich von innen und schafft sich Bewegung.

Eine Etage höher. Hier zeigt ein Zimmer nur eine beleuchtete Zimmerdecke und eine weiße Wand darunter.

Schritte vor meiner Tür (eine Doppeltür immerhin), Stimmen auf dem Flur. Das Etagenklo liegt schräg gegenüber.

Kräftiges Singen in den Nachbarstraßen, doch in der näheren Umgebung eine kleine Zone der Ruhe.

»Hol zu!« ruft ein Mann.

Ein Zimmer weiter spiegelt etwas breit hinter einem Vorhang, ein Toilettentisch oder vielleicht das verglaste Oberteil eines Küchenschrankes.

Ein Einzelner klatscht laut in die Hände.

Eine große Gruppe von Leuten kommt vorbei, ein neuer, kräftiger Chor setzt ein, mindestens acht Mann stark.

»… deutsche Meister …« höre ich heraus.

Autohupen, das von dem Chor mit Johlen kommentiert wird. Pfeifen, hohes Juchzen.

»Rullah!, rullah!«

Und noch einmal: »Rullah!«

Ein metallisches Scheppern unter meinem Fenster, vermutlich ein Fahrrad. Ein Auto fährt zügig vorbei, die Straße muss sich geleert haben.

 

22.13 Uhr.

Glas zerschellt, Schlüssel klirren.

Husten.

»...Zeit...«

Türeschlagen hier im Hotel, wenige Zimmer entfernt.

»Ohjeh, ohjeh; … olé-olé.« Schrilles Lachen, laute Rufe. »Sieben – acht – neun – …, vier – fünf – sechs …« Und so weiter.

Chorisch begeistertes Aufheulen, synchron, wie geprobt.

Besonnenere Stimmen in der Nähe, Autoschlüssel fallen auf das Pflaster. Man unterhält sich zu dritt in einer Fremdsprache.

Ich muss die Fenster schließen, mir wird kühl.

Ganz geschlossen habe ich sie allerdings nicht, sondern nur angelehnt und den Vorhang vorgezogen, der von der Decke bis zum Boden reicht.

Alle Laute von der Straße sind nun gedämpft, vor allem die hohen Töne klingen dumpfer.

»… Fallboot …«, mehrmals wiederholt, von männlicher Stimme etwas weinerlich auf einer Melodiefloskel gesungen. Eine Gruppe von drei oder vier Passanten in gesetzter Unterhaltung.

Anstelle der hohen Töne von draußen höre ich nun deutlicher ein Rauschen in der Zentralheizung gegenüber dem Waschbecken, die ich auf höchste Kraft gestellt habe und die jetzt siedend heiß wird.

Nur in vier Zimmern des Nachbarhauses gibt es noch Licht. Immer noch das »leere« Zimmer und das mit dem spiegelnden Toilettentisch bzw. Küchenschrank (oder was sonst auch immer).

Hinter dem durchsichtigen Vorhang eines anderen der Rand eines Federbettes, daneben eine Nachttischlampe.

Die Klänge fahrender Autos mehren sich.

Vor dem Schließen des Fensters hatte ich nochmals auf die Straße hinuntergesehen. Musik mit einer Sängerin fährt langsam in einem Auto vorüber, jetzt ein anderer Gesang, es könnte Elvis sein.

»Klipp, klapp«, macht ein Kanaldeckel, den ein Auto überrollt.

Im Haus gegenüber ein Geschäft, das mit Compact Discs handelt. Links daneben eine italienische Taverne mit kaltem, schwarz-weißem Mobiliar, hell erleuchtet, doch ohne Besucher.

Weiter rechts mit rosafarbenen Neonröhren ein Cabarét, verheißungsvoll »Madame« getauft.

Gerade habe ich die zweite Büchse Bier geleert, dann aber noch einen Rest in der ersten entdeckt, den ich jetzt austrinke, bevor ich die dritte und letzte Dose öffne.

Ich wasche mir die Hände in heißem Wasser, bis sie wieder durchwärmt sind, und esse den Rest des Kartoffelsalats, den ich vormittags zubereitet und in einer Tiefgefrierdose mitgebracht habe.

Ein Wagen mit Dieselmotor parkt, Türen schlagen.

Aus dem Zugfenster sah ich – zwischen Würzburg und Augsburg – den Mond: mattgelb und etwas verschleiert, doch mit klaren Gesichtszügen. Heute ist Vollmond.

Links über meinem Schreibtischchen hängt die braunschwarze Reproduktion eines Kupferstiches in dunklem Rähmchen: rechterhand ein Prachtpalast mit Säulen, Kuppeln, Vorbauten; links ein Reiterstandbild; dazwischen Leute auf der Straße, darunter ein Mann zu Pferd, ein Würdenträger, Offizier, Marschall, König oder Kaiser, wenn nichts Höheres.

Ausgelassenes, ausgiebiges Lachen von unten. Auch meine letzten beiden belegten Brote aus dem Gepäck kommen zu Ehren.

 

23.17 Uhr zeigt mein Reisewecker, den ich vor mir stehen habe.

Wie viel Schlaf bleibt? Ich rechne nach. Aufstehen, Anziehen, Packen, Frühstücken, Bezahlen, Weg zu S-Bahn, Warten auf die S-Bahn, Fahrt zum Rosenheimer Platz, Rolltreppen, Weg zum Gasteig, die Rolltreppe hinauf ins Obergeschoss; mein schmerzender Fuß stets als Verzögerungsfaktor einbezogen.

Ich bin müde und werde mich hinlegen.

Die Fensterflügel lasse ich angelehnt.

»Oléh, olé-olé-oléhh!« brüllt es unten.

 

23.22 Uhr.

 

aus:

Zimmer zur Straße
Fünf Fragmente aus dem Leben des Pianisten 1992/93
zusammengestellt in Deinstedt 1994

Erste Eingabe ins Internet: 18. Januar 2001
 

 

© 2001 Herbert Henck

 

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