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Lebensgeschichte
Meine Musik

Jutta Riedel-Henck

Meine musikalische Lebensgeschichte

 

Wo begann sie? Wie bei allen Säugetieren, die einst geboren wurden: im Mutterleib.

Dass jeder Mensch ein musikalisches Potential in sich trägt, werde ich an anderer Stelle noch ausführlicher erklären.

Bei mir gesellte sich zu den naturgegebenen Urgeräuschen und Klängen etwas Künstliches hinzu: der so genannte “Bel Canto”, der “schöne Gesang”: Interpretin Mutter.

Schön oder nicht schön ist sicher eine Frage des Geschmacks, die Künstlichkeit dieses Gesangs hat mich bis heute nicht erwärmen können.

Meine Mutter sang Arien aus Operetten und Opern, auch die Musik Bachs erreichte mich auf direktem Wege. So sang ich, kindlich naiv, was mir zu Ohren kam. Ein Hit aus Kinderzeiten war der Song “Schlösser, die im Monde liegen” aus der Operette “Frau Luna” von Paul Lincke, den ich voller Inbrunst auf einem Berg stehend in die Nachbarschaft trällerte, begleitet von einer gleichaltrigen Duopartnerin.

Ich lernte, ohne zu lernen. Probleme machte mir erst die Theorie um Noten und Harmonie, als ich im jungen Alter von sieben oder acht Jahren die Jugendmusikschule besuchte. Dreiklang, Umkehrungen, Sextakkorde hin, her und zurück ... ohne sinnliche Erfahrung erschienen mir Theorien wie unnötiger Ballast, den ich nicht ernst nehmen konnte. Hier am Tisch, dort an der Blockflöte ... ein Dazwischen gab es nicht: Theorie und Praxis in getrennten Räumen. Mein Lebensthema, wie es scheint ...

Das Klavierspiel nach Noten machte mir wenig Probleme. Es konnte gar nicht schnell genug gehen ... bei den jährlichen Prüfungen rasten meine Finger schneller als ich hinterhergucken oder gar -sinnen konnte, als ginge es um eine Leistungsshow, Fingersportwettkämpfe und Trefferquoten vorgeschriebener Notationen.

Ich hielt nicht lange durch. Einmal schmiss ich beim Tonleiternüben mein Metronom zu Boden, ein anderes Mal zerriss ich mutwillig die Notenseiten beim Umblättern.

Meine Interessen waren bald andere ... allein vor dem Klavier zu hocken, während Freundinnen und Freunde sich anderweitig amüsierten, passte mir nicht. Während die brave Lehrerin wohl insgeheim um mein vergeudetes Talent trauerte, hätte sie mich doch lieber zu irgendwelchen Wettbewerben geschickt, schummelte ich mich durch die Unterrichtsstunden und ließ es schließlich sein.

Mit 15 hielt ich meine erste Gitarre in den Händen, ein Meisterstück für 10 Mark mit abgelöstem Resonanzboden. Handwerklich nicht ungeschickt, leimte ich das Wunderinstrument zusammen und spielte mir die Finger wund, um sie zwischenzeitlich mit Handschuhen vor dem strammen Druck der vom Griffbrett weit entfernten Saiten zu schützen.

Schon bald verdiente ich mein erstes Geld mit einem Gitarrenkurs. Ich sang Lieder von Joan Baez, Bob Dylan, den Stones, Arbeitersongs, Anti-Atomkraftlieder und irische Folklore, was mir zu Ohren kam und mein Herz ergriff.

Eines gefiel mir bei alledem am meisten: Ich war nicht mehr einsam, saß nicht für mich allein vor dem Klavier, sondern spielte und sang gemeinsam mit Freunden, in Kinder- und Jugendgruppen, zu Festlichkeiten, ohne von einem Wutanfall getrieben mein Instrument an die Wand zu knallen. Ich hatte Freude am Musizieren, übte nur, was mir Spaß machte, niemand drängte mich, und die Resonanz der Zuhörenden oder Mitsingenden ließ meine Seele schwingen.

Das Klavier ... lockte mich dann doch immer wieder an seine Tasten. Dass ein guter Lehrer auch einen motivierten Schüler ausmacht, spürte ich nach einem weiteren unglücklichen Versuch, mich im Klavierspiel unterrichten zu lassen ... um noch schneller vor dem Tastenvirtuosen zu flüchten ... und bei einem Organisten, Musiklehrer unserer Schule, den ersten und letzten für mich gewinnbringenden Instrumentalunterricht zu erleben und genießen.

Manfred Storm, genannt Theo, liebte die Musik, bei jedem Klang schwebte er sinnierend durch den Raum, schwärmend zum Himmel blickend, voller kindlicher Neugier die Flugzeugdüsenklänge über uns erlauschend und kennerhaft zu typologisieren: “Das war eine DC 9”.

Theo ließ die Schule singen, ob klein ob groß, Schüler oder Lehrer, in seinem Chor versammelten sie sich und kamen einander so nah wie spielende Kinder aus der Nachbarschaft.

Einen besseren Musiklehrer als seinen Freund und Kollegen Henry B. Köster hatte ich mir in meiner späten Gymnasialschulzeit nicht gewünscht. Was wir bei ihm an Frische, Originalität und Eigensinn, vor allem aber Liebe zur Musik verbunden mit solidem Handwerk und selbstverständlicher Virtuosität zu spüren bekamen, musste ich während meines nachfolgenden Studiums der Musikwissenschaft schwerlich missen.

Henry Köster war ein Vollblutmusiker, wenn er spielte, spielte er ganz – und nicht nur seine Finger, beobachtet von einem weit entfernten Über-Hirn. Er war ein strenger und ehrgeiziger Lehrer, während Theo, der ihn als Referendar manchmal vertrat, noch nicht einmal seine brennenden Zigaretten auszudrücken wagte, geschweige denn uns Schüler schlechter zu bewerten als mit den Zensuren 1 und 2. Als er uns während der schriftlichen Abitur-Klausur betreute, konnte er sich nicht verkneifen, mir eine Bemerkung ins Ohr zu flüstern, die sich auf die Analyse von Robert Schumanns Fantasiestück “Des Abends” bezog, das er mich zuvor im Unterricht klingend ertasten ließ – Zufall?

Zensuren waren mir nicht wichtig ... wenn auch die Musik zu meinem besten Fach zählte. Henry Köster fuhr mit uns nach Straßburg und Colmar, führte uns in Konzertsäle und Museen, zu dem Bremer Neue-Musik-Festival “pro musica nova”, bekochte seine Schüler und Kollegen im eigenen Heim mit kulinarischen Köstlichkeiten, organisierte bunte und musische Wochen mit experimentellen Unternehmungen und Aufführungen, leitete ein Jugendkammerorchester und verscheuchte die Schmerzen seiner ihn zunehmend befallenden Krankheiten mit – Musik.

Meine beiden wichtigsten und im Grunde einzigen echten Musiklehrer hielten nicht lange durch hier auf Erden. Theo Storm starb nur kurze Zeit nach meinem Abitur an einer Überdosis einschläfernder Medikamente, Henry B. Köster vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt. Das letzte Mal traf ich ihn, als ich mit einem Bündel Noten durch die Bremer Innenstadt spazierte, darunter Bachs Wohltemperiertes Klavier, das er neugierig beäugte. Die Musik war sein Leben, zu den Menschen hatte er ein eher distanziertes, ängstliches Verhältnis. Eine Seele ohne Schutzhaut, ohne Grenzen ... voller Hingabe an das Fließende der Musik, ohne Kitsch und übertriebene Gefühlsduseleien. Einfach echt.

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© 2001 Jutta Riedel-Henck

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