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Dass die sogenannte verbale Kommunikation in unserer Kultur einen besonderen Stellenwert eingenommen hat, drückt sich nicht zuletzt in den Ängsten vieler Eltern aus, die
besorgt auf das erste »verständliche« Wort ihres Kleinkindes warten. Ist ein gewisses Alter erreicht, da es gilt, der Norm entsprechend Ein- oder Zweiwortsätze zu bilden, gerät so manche Mutter ins
Schwitzen. Leidet ihr Kind unter Sprachstörungen? Wird es sich normal entwickeln? Hört es vielleicht schlecht? Ist es geistig behindert, weil es mit drei Jahren noch kein klares Wort durch seine Lippen
transportiert?
Alltäglich beobachte ich, wie Mütter ihre Kinder auffordern, »richtig« zu sprechen: »Sag doch mal ...!« – Solche Aufforderungen werden meist mit einem beständigen Schweigen
beantwortet. Eltern von unverständlich, spät oder wenig sprechenden Kindern geraten leicht in einen Rechtfertigungszwang: Haben sie etwas falsch gemacht, weil ihr Kind nicht »sprechen« mag? Der Druck
steigt, wenn Außenstehende den Betroffenen zu einer Sprachtherapie raten, um die »Sprachstörungen« zu beheben. So groß die Bemühungen auch sein mögen, Wertungen zu umgehen und jedem Kind das Recht für
seine individuelle Entwicklung einzuräumen – wer von der Norm abweicht, hat es schwer!
Meine persönliche Geschichte mag ein wenig veranschaulichen, dass Schweigsamkeit nicht unbedingt mit Dummheit gleichzusetzen ist. Ich war ein schüchternes kleines Mädchen
und erinnere mich noch sehr gut an Gefühle tiefer Scham, wenn ich aufgefordert wurde zu sprechen. »Sag doch mal was!« oder »Guck doch nicht so ernst!« oder »Was denkst du denn gerade?« wirkten wie
Sekundenkleber auf Zunge und Lippen, obwohl ich bis dahin durchaus Lust verspürt hatte, meinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Die mit der Aufforderung genommene Freiheit, selber zu entscheiden, ob und
wann ich etwas sagen wollte, machte mich regelrecht mundtot. Ich hatte das Bedürfnis, Sprache mit echten Gefühlen in Einklang zu bringen und mich nur dann zu äußern, wenn ich empfand, was ich sagte.
Dafür fehlte es während meiner Kindheit meist an Gelegenheiten, und die häufig vernommene Redewendung »Stille Wasser sind tief« traf mich sicher nicht grundlos.
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© 2001 Jutta Riedel-Henck
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